Du bist selbstständig. Du kennst das Risiko. Und du hast bisher nichts getan.
Du bist damit nicht allein — aber du gehörst zur Gruppe mit dem größten Absicherungsrisiko in Deutschland.
Hier ist, was wirklich passiert, wenn du berufsunfähig wirst und keine private BU-Versicherung hast.
Die harte Realität: Null staatliche Absicherung
Angestellte, die mindestens fünf Jahre lang Pflichtbeiträge zur gesetzlichen Rentenversicherung gezahlt haben, haben Anspruch auf Erwerbsminderungsrente. Dieser beläuft sich auf grob 38 % des letzten Bruttoeinkommens — nicht viel, aber immerhin etwas.
Selbstständige, die nicht freiwillig in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt haben, erhalten bei Berufsunfähigkeit: 0 Euro aus der gesetzlichen Rentenversicherung.
Der Staat springt erst ein, wenn du tatsächlich mittellos bist — mit Bürgergeld. Das sind aktuell 563 € monatlich (Regelsatz 2024) plus Unterkunftskosten. Was das für Miete, Krankenversicherung, laufende Geschäftskosten und Lebenshaltung bedeutet, kann sich jeder ausrechnen.
Wer ist betroffen?
Laut Statistischem Bundesamt gibt es in Deutschland rund 4,5 Millionen Solo-Selbstständige. Die meisten von ihnen zahlen nicht freiwillig in die gesetzliche Rentenversicherung ein. Das bedeutet: Im Berufsunfähigkeitsfall keine staatliche Grundabsicherung außer Bürgergeld.
Besonders häufig betroffen:
- IT-Freiberufler und Entwickler — psychische Erkrankungen (Burnout, Angststörungen) sind die häufigste BU-Ursache, auch in Schreibtischberufen
- Therapeuten und Berater in Einzelpraxis — keine Kollegen, die einspringen, keine betriebliche Fortzahlung
- Kreativberufe — Grafiker, Texter, Fotografen mit variablem Einkommen und oft ohne Rücklagen
- Handwerker und Gewerbe — körperliche Berufe mit erhöhtem Verletzungsrisiko
Wie hoch ist das Risiko wirklich?
Ein weit verbreiteter Irrglaube: Berufsunfähigkeit trifft vor allem ältere Menschen nach langen körperlichen Berufen.
Die Statistik sagt etwas anderes:
- Jeder vierte Erwerbstätige wird vor dem Renteneintritt berufsunfähig
- Das Durchschnittsalter bei BU-Eintritt liegt bei rund 47 Jahren — mitten in der produktivsten Phase des Berufslebens
- Psychische Erkrankungen sind mit rund 30 % die häufigste Ursache — und betreffen überproportional Menschen in Wissens- und Dienstleistungsberufen
- Rücken und Gelenke folgen auf Platz 2 — auch bei Büroarbeitern durch jahrelange Fehlhaltung
Das Risiko ist kein Randphänomen. Es ist ein Massenrisiko — nur eben eines, das niemanden anspricht, weil es unangenehm ist.
Was eine BU-Versicherung für Selbstständige kostet
Der häufigste Grund, warum Selbstständige keine BU haben: "Zu teuer." Tatsächlich ist das oft eine Fehlwahrnehmung.
Beispielrechnung: IT-Freelancer, 32 Jahre, nichtrauchend, gesund
| Gewünschte BU-Rente | Laufzeit bis | Monatliche Prämie (Orientierung) |
|---|---|---|
| 1.500 €/Monat | 67 Jahre | ca. 55–90 € |
| 2.000 €/Monat | 67 Jahre | ca. 75–120 € |
| 2.500 €/Monat | 67 Jahre | ca. 95–155 € |
Für einen Kreativberufler oder Erzieher — Berufe mit erhöhtem psychischem Risikoprofil — liegen die Prämien höher. Für Programmierer und Akademiker ohne körperliche Belastung in der Regel günstiger.
Entscheidend: Der Preis hängt stark von Gesundheitszustand, Beruf, Eintrittsalter und gewählten Vertragsbedingungen ab. Ein Vergleich lohnt sich — ebenso wie ein früher Abschluss.
Typische Fehler beim BU-Abschluss als Selbstständiger
Fehler 1: Zu niedrige BU-Rente wählen
Die Versuchung ist groß, die BU-Rente niedrig zu wählen, um die Prämie zu drücken. Das Problem: Im Schadensfall reicht eine zu niedrige BU-Rente nicht aus, um die laufenden Kosten zu decken. Richtwert: Mindestens 70 % des monatlichen Nettoeinkommens.
Fehler 2: Abstraktes Verweisungsrecht übersehen
Manche Verträge zahlen nur dann, wenn du absolut keine Arbeit mehr verrichten kannst. Eine gute BU-Versicherung zahlt bereits dann, wenn du deinen konkreten Beruf nicht mehr ausüben kannst — also wenn du als Programmierer nicht mehr coden kannst, auch wenn du theoretisch noch einen Kassierer-Job machen könntest. Abstraktes Verweisungsrecht sollte ausgeschlossen sein.
Fehler 3: Zu kurze Laufzeit
Eine BU, die nur bis 60 zahlt, lässt dich in den letzten 7 Jahren vor der Rente ungeschützt — genau dann, wenn das Risiko statistisch steigt.
Fehler 4: Wartezeit zu lang
Je länger du wartest, desto wahrscheinlicher ist eine Vorerkrankung, die zu Ausschlüssen oder Ablehnung führt. BU ist ein Produkt, das man abschließt, solange man noch gesund ist.
Was du jetzt konkret tun kannst
Schritt 1: Lücke beziffern. Bevor du Angebote einholst, musst du wissen, wie viel du absichern musst. Nettoeinkommen, Fixkosten, eventuelle bestehende Absicherung — das ergibt deine persönliche BU-Lücke.
Schritt 2: Bedarf definieren. Wie lange soll die Versicherung laufen? Welche Absicherungshöhe brauchst du? Welche Klauseln sind unverzichtbar?
Schritt 3: Unabhängig vergleichen. Nicht das erste Angebot nehmen. BU-Konditionen variieren erheblich — nicht nur im Preis, sondern in den Leistungsvoraussetzungen. Ein guter Vergleich spart langfristig Geld und reduziert das Risiko im Schadensfall.
Häufige Fragen
Kann ich mich freiwillig in die gesetzliche RV einschreiben, um Erwerbsminderungsrente zu bekommen?
Ja. Als Selbstständiger kannst du freiwillig in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen. Nach 5 Jahren hast du Anspruch auf Erwerbsminderungsrente. Das ersetzt eine private BU jedoch nicht — der staatliche Anspruch liegt weit unter einem existenzsichernden Niveau.
Was ist der Unterschied zwischen BU und Erwerbsminderungsrente?
Die Erwerbsminderungsrente zahlt erst, wenn du weniger als 6 (volle Erwerbsminderung) oder 3 Stunden täglich (teilweise) irgendeine Arbeit verrichten kannst. Eine private BU zahlt, wenn du deinen konkreten Beruf nicht mehr ausüben kannst — das ist ein erheblich niedrigerer Schwellwert.
Ich habe bereits eine Krankentagegeldversicherung — reicht das?
Nein. Krankentagegeld überbrückt die Zeit der Krankheit — in der Regel bis zu 2–3 Jahre. Eine BU-Versicherung zahlt, wenn du dauerhaft (mindestens 50 % für voraussichtlich 6 Monate) nicht mehr arbeitsfähig bist. Beides deckt unterschiedliche Risiken ab.
Ich bin 50 — lohnt sich eine BU noch?
Ja, aber sie wird teurer und medizinische Voraussetzungen werden genauer geprüft. Der BU-Abschluss mit 50 ist für viele noch möglich, besonders in risikoarmen Berufen. Laufzeit bis 67 kann dann 17 Jahre umfassen — genug Zeit, damit sich die Absicherung im Schadensfall rechnet.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Versicherungsberatung. Prämienbeispiele sind unverbindliche Schätzungen auf Basis öffentlich verfügbarer Marktdaten.
