Die Rentenlücke ist bekannt. Das Problem: Die wenigsten wissen, wie man sie schließt.
Finanzprodukte gibt es viele — aber welche lohnen sich wirklich, für wen, und in welcher Reihenfolge? Dieser Artikel gibt einen unabhängigen Überblick über fünf Strategien, mit konkreten Zahlen und ohne Produktempfehlungen.
Vorab: Kenn deine Zahl. Wer nicht weiß, wie groß seine Rentenlücke ist, kann sie nicht zielgerichtet schließen.
Strategie 1: ETF-Sparplan — die Basis für die meisten
Ein ETF (Exchange Traded Fund) ist ein börsengehandelter Fonds, der einen Index abbildet. Ein MSCI World ETF enthält zum Beispiel über 1.600 Unternehmen aus 23 Industrieländern. Kein aktives Management, keine Wette auf einzelne Aktien.
Warum ETFs für die Altersvorsorge?
- Historische Rendite: 6–8 % pro Jahr über lange Zeiträume
- Kosten: 0,07–0,30 % pro Jahr (im Vergleich zu 1,5–2,5 % bei aktiven Fonds)
- Flexibilität: Jederzeit kündbar, keine Vertragsbindung
- Sparplan ab 25 € monatlich möglich
Was ein ETF-Sparplan konkret bewirkt:
| Monatliche Rate | Laufzeit | Annahme 7 % p.a. | Ergebnis |
|---|---|---|---|
| 150 € | 30 Jahre | 7 % | ca. 175.000 € |
| 300 € | 25 Jahre | 7 % | ca. 245.000 € |
| 500 € | 20 Jahre | 7 % | ca. 260.000 € |
| 100 € | 40 Jahre | 7 % | ca. 264.000 € |
Der wichtigste Einflussfaktor ist nicht die Höhe der Rate, sondern die Zeit. Wer früh anfängt, kann mit weniger monatlichem Aufwand mehr erreichen.
Geeignet für: Alle, die mindestens 10–15 Jahre Anlagehorizont haben und eine gewisse Volatilität aushalten können.
Nicht geeignet für: Menschen, die in 5 Jahren in Rente gehen — hier ist die Zeit zu kurz für ausreichende Kurserholung nach einem möglichen Markteinbruch.
Strategie 2: Betriebliche Altersvorsorge (bAV) — das unterschätzte Geschenk
Seit 2019 müssen Arbeitgeber 15 % Zuschuss zur betrieblichen Altersvorsorge zahlen, wenn Mitarbeiter Teile ihres Gehalts umwandeln. Das ist gesetzlich vorgeschrieben — und viele Arbeitnehmer nehmen es nicht in Anspruch.
Wie funktioniert die bAV?
Du leitest einen Teil deines Bruttogehalts direkt in einen Altersvorsorgevertrag um. Das Geld wird vor Steuer und Sozialversicherung abgeführt.
Konkrete Rechnung:
- Du zahlst 100 € aus dem Brutto ein
- Netto kostet es dich je nach Steuerklasse nur 55–65 €
- Der Arbeitgeber zahlt noch 15 € oben drauf
- Im Vertrag landen 115 €, die dich nur 55–65 € gekostet haben
Wichtig: Die bAV hat einen Haken. Im Rentenalter werden Leistungen voll versteuert und es fallen Beiträge zur Krankenversicherung an. Wer sehr lang einzahlt und hohe Beträge ansammelt, muss das einkalkulieren.
Geeignet für: Angestellte, die den Arbeitgeber-Zuschuss noch nicht ausschöpfen. Die bAV sollte vor eigenen privaten Sparplänen genutzt werden — solange der AG-Zuschuss mitkommt.
Strategie 3: Riester — für die Richtigen sehr gut
Riester ist oft pauschal verteufelt. Das ist unfair. Für bestimmte Gruppen ist Riester tatsächlich attraktiv.
Wer profitiert wirklich?
- Angestellte mit 2+ Kindern: Die jährliche Grundzulage (175 €) plus Kinderzulage (300 € pro Kind ab 2008 Geborene) ergibt erhebliche staatliche Förderung
- Menschen mit niedrigem Einkommen: Riester fördert einkommensunabhängig, das heißt die Zulagen wirken prozentual stärker
- Beamte: Eigene Riester-Variante mit spezifischen Vorteilen
Wer sollte es lassen?
- Singles ohne Kinder mit hohem Einkommen: Ein ETF-Sparplan ist fast immer renditebesser
- Menschen mit hohem Eigenkapital-Bedarf: Riester-Kapital ist bis zur Rente gebunden und nicht flexibel
Konkrete Förderung: Wer den Mindestbeitrag (4 % des Vorjahres-Einkommens, max. 2.100 €/Jahr) leistet, erhält die volle staatliche Zulage. Bei einem Elternteil mit zwei Kindern und 30.000 € Einkommen können die Zulagen 775 € jährlich betragen — das ist ein Förderquote von 37 % auf den eigenen Beitrag.
Strategie 4: Rürup (Basisrente) — das Instrument für Selbstständige
Rürup ist das steuerliche Pendant zu Riester für Selbstständige und Gutverdiener. Beiträge können bis zu 27.566 € jährlich als Sonderausgaben abgesetzt werden (Wert 2024, steigt jährlich).
Der Vorteil:
Bei einem Grenzsteuersatz von 42 % bedeutet ein Rürup-Beitrag von 10.000 €, dass du real nur 5.800 € einsetzt — 4.200 € übernimmt der Staat durch Steuerersparnis.
Der Nachteil:
Rürup ist lebenslang gebunden. Du kannst das Kapital nicht entnehmen, nicht vererben (in der Grundvariante), nicht beleihen. Es ist eine Rentenversicherung, keine Geldanlage. Wer Flexibilität braucht, ist mit einem ETF-Sparplan besser dran.
Geeignet für: Selbstständige mit stabilem, hohem Einkommen und hoher Steuerbelastung, die eine lebenslange garantierte Rente suchen.
Strategie 5: Eigene Immobilie — der Sonderfall
Wer im Alter in einer abbezahlten Immobilie wohnt, spart monatlich 800–1.500 € Miete. Das ist eine erhebliche implizite Altersvorsorge — auch wenn die Immobilie selbst keine Rentenzahlung erzeugt.
Die Bedingungen, unter denen Immobilien als Altersvorsorge Sinn machen:
- Die Immobilie liegt in einer Region mit stabiler oder wachsender Nachfrage
- Die Finanzierung ist spätestens 5 Jahre vor Renteneintritt abbezahlt
- Die monatliche Rate liegt nicht dauerhaft über der Vergleichsmiete
- Das Eigenkapital ist vorhanden (mindestens 20 % Eigenkapitalquote)
Was Immobilien nicht können: Liquide Mittel für laufende Ausgaben liefern. Wer nur Immobilienvermögen hat, muss im Notfall verkaufen oder eine Umkehrhypothek abschließen — beides ist aufwendig.
In welcher Reihenfolge vorgehen?
Eine pragmatische Priorisierung:
1. bAV bis zum maximalen AG-Zuschuss — kostenloser Hebel, immer zuerst ausschöpfen
2. Notgroschen aufbauen — 3–6 Netto-Monatsgehälter als liquide Reserve, dann erst langfristig investieren
3. ETF-Sparplan als Basis — flexibel, kostengünstig, renditestarkt; die richtige Reihenfolge für die meisten
4. Riester prüfen — nur wenn du zur Kernzielgruppe gehörst (Kinder, niedriges Einkommen)
5. Rürup — spezifisch für Selbstständige mit hohem Einkommen
6. Immobilie — wenn die Rahmenbedingungen stimmen, ein starkes Instrument; kein Ersatz für liquide Altersvorsorge
Häufige Fehler beim Schließen der Rentenlücke
Ich warte noch, bis ich mehr verdiene
Das ist der teuerste Fehler. 50 € monatlich mit 30 Jahren sind wertvoller als 200 € monatlich mit 45. Der Zinseszins-Effekt macht den Unterschied — nicht die Rate.
Ich investiere alles in meine Immobilie
Eine Immobilie ist kein Renteneinkommen. Wer ausschließlich in Immobilien investiert, hat im Alter zwar ein Dach über dem Kopf, aber möglicherweise kein liquides Geld für Lebensmittel, Gesundheit oder Reisen.
Mein Lebensversicherungsvertrag reicht
Klassische Lebensversicherungen der 1990er und 2000er hatten Garantiezinsen von 3–4 %. Neue Verträge liegen oft unter 1 %. Ein ETF-Sparplan übertrifft neue LV-Produkte auf langen Zeiträumen fast immer.
Ich spare erst nach Abbezahlung meines Kredits
Wenn dein Kreditdarlehen unter 3 % kostet und dein Anlagehorizont über 15 Jahre ist, macht es mathematisch Sinn, parallel zum Kredit in einen ETF-Sparplan einzuzahlen.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Finanzberatung. Alle Renditeangaben sind historische Werte und keine Garantien für zukünftige Entwicklungen.
