"BU ist die wichtigste Versicherung nach der Krankenversicherung." Das sagen Finanzberater reflexartig. Stimmt es auch?
Fast. Aber nicht uneingeschränkt.
Für die meisten Erwerbstätigen ist eine Berufsunfähigkeitsversicherung tatsächlich unverzichtbar. Für einige Gruppen gibt es bessere Alternativen. Und für einen kleinen Teil lohnt sich der Aufwand tatsächlich nicht — weil der Abschluss scheitert oder die Prämie das Risiko übersteigt.
Hier ist ein ehrlicher Überblick.
Für wen ist eine BU-Versicherung unverzichtbar?
Selbstständige ohne staatliche Absicherung
Wer nicht in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlt, hat bei Berufsunfähigkeit null staatliche Absicherung. Keine Erwerbsminderungsrente, kein Krankengeld nach sechs Wochen. Für diese Gruppe ist eine private BU das einzige Sicherheitsnetz oberhalb von Bürgergeld.
Fazit: Keine Alternative. Eine BU ist hier existenznotwendig.
Angestellte mit hohen Fixkosten
Die staatliche Erwerbsminderungsrente beträgt im Schnitt 38 % des letzten Bruttogehalts. Bei einem Bruttogehalt von 4.000 € sind das etwa 1.520 € brutto — netto nach Abgaben rund 1.250 €. Wer Miete, Kredit, Familie und laufende Kosten zu tragen hat, kann davon kaum leben.
Fazit: BU schließt die Lücke zwischen staatlicher Minimalversorgung und echtem Bedarf.
Berufseinsteiger und junge Erwerbstätige
BU-Prämien steigen mit dem Alter und dem Gesundheitsrisiko. Ein 28-Jähriger zahlt für dieselbe Absicherung deutlich weniger als ein 42-Jähriger — und hat eine sauberere Krankengeschichte, die beim Antrag keine Probleme macht.
Fazit: Früh abschließen ist der stärkste Hebel. Wer wartet, zahlt mehr und riskiert Ausschlüsse.
Akademiker, IT-Fachkräfte und Wissensarbeiter
Ein häufiges Missverständnis: "Ich sitze nur am Schreibtisch, was soll mir schon passieren?" Psychische Erkrankungen sind die häufigste BU-Ursache — und Wissensarbeiter sind überproportional betroffen. Burnout, Depression und Angststörungen können jeden treffen, der unter hohem Leistungsdruck steht.
Fazit: Körperlich risikoarme Berufe zahlen niedrigere BU-Prämien — das macht die Absicherung besonders günstig und sinnvoll.
Für wen gibt es bessere Alternativen?
Körperlich tätige Berufe mit hohem Risiko
Dachdecker, Maurer, Elektriker — für viele handwerkliche Berufe sind BU-Prämien schlicht unerschwinglich. Wer im Handwerk 2.000 € netto verdient und dafür 300–400 € monatlich für eine BU zahlen soll, hat ein Rechenproblem.
Alternative: Grundfähigkeitsversicherung oder Erwerbsunfähigkeitsversicherung. Sie zahlen nicht erst bei BU im eigenen Beruf, sondern wenn bestimmte Grundfähigkeiten (Gehen, Greifen, Sehen) oder die Erwerbsfähigkeit allgemein entfällt. Günstiger, aber mit engerem Leistungsversprechen.
Menschen mit ernsthaften Vorerkrankungen
Wer bereits an einer chronischen Erkrankung leidet — Diabetes, psychische Vorerkrankungen, Wirbelsäulenprobleme — bekommt oft nur Verträge mit teuren Risikozuschlägen oder Ausschlüssen für genau diese Erkrankung. Das macht die Absicherung teurer und löchriger.
Alternative: Schwere-Krankheiten-Versicherung (Dread Disease) oder Unfallversicherung als Teilabsicherung. Und: Eigenkapital aufbauen, um zumindest eine Übergangsphase zu überbrücken.
Kurz vor der Rente
Wer mit 62 Jahren noch eine BU abschließen will, zahlt hohe Prämien für eine kurze verbleibende Laufzeit von 5 Jahren bis 67. Ob sich das noch rechnet, hängt vom Einzelfall ab.
Fazit: Ab 58–60 Jahren sollte man genau rechnen, ob eine BU noch wirtschaftlich sinnvoll ist oder ob andere Absicherungsformen besser passen.
Worauf du beim BU-Abschluss achten musst
Ein BU-Vertrag ist kein Standardprodukt — die Bedingungen unterscheiden sich erheblich. Das sind die wichtigsten Kriterien:
1. Kein abstraktes Verweisungsrecht
Das wichtigste Kriterium überhaupt. Ein Vertrag ohne abstraktes Verweisungsrecht zahlt, sobald du deinen konkreten Beruf nicht mehr ausüben kannst. Ein Vertrag mit abstraktem Verweisungsrecht kann dich auf andere Berufe verweisen — auch wenn diese nicht deiner Qualifikation oder deinem Lebensstandard entsprechen.
Praxisbeispiel: Ein IT-Projektmanager mit Burnout kann theoretisch noch als Pförtner arbeiten. Ein Vertrag mit abstraktem Verweisungsrecht könnte das als Grund nehmen, nicht zu zahlen.
2. BU-Grad: 50 % genügt
Die meisten guten Verträge zahlen bereits bei 50 % Berufsunfähigkeit — das heißt, wenn du deinen Beruf nur noch halb so gut ausüben kannst wie vorher. Verträge, die erst bei 75 % zahlen, schützen deutlich schlechter.
3. Nachversicherungsgarantie
Ermöglicht, die BU-Rente ohne neue Gesundheitsprüfung zu erhöhen — etwa nach Gehaltserhöhung, Heirat, Geburt eines Kindes oder Aufnahme einer selbstständigen Tätigkeit. Besonders für junge Menschen mit wachsendem Einkommen wichtig.
4. Leistungsdauer und Endalter
Die Versicherung sollte mindestens bis zum gesetzlichen Renteneintrittsalter (67) zahlen. Verträge, die nur bis 60 oder 63 laufen, hinterlassen eine gefährliche Lücke in den Jahren höchsten BU-Risikos.
5. Karenzzeit
Die Karenzzeit ist der Zeitraum zwischen BU-Eintritt und erster Auszahlung. 0 Monate Karenz bedeutet Zahlung ab dem ersten Tag, 6 Monate bedeutet: Erst nach einem halben Jahr kommt Geld. Kürzere Karenz ist teurer, bietet aber mehr Sicherheit. Ein Notgroschen von 3–6 Netto-Monatsgehältern kann eine Karenzzeit von 3 Monaten abfangen — und die Prämie spürbar senken. Parallel zur BU-Absicherung lohnt ein Blick auf die eigene Rentenlücke — denn eine Berufsunfähigkeit vergrößert auch die Lücke in der Altersvorsorge.
6. Rückwirkende Leistung
Gute Verträge zahlen rückwirkend, wenn die BU erst nach längerem Prüfungszeitraum anerkannt wird. Das ist wichtig, weil der Leistungsprozess oft Monate dauert.
Was kostet eine gute BU wirklich?
Prämienorientierung nach Beruf und Absicherungshöhe (30 Jahre, nichtrauchend, gesund):
| Beruf | BU-Rente 2.000 €/Monat | bis 67 |
|---|---|---|
| Software-Entwickler | 70–110 €/Monat | — |
| Unternehmensberater | 80–130 €/Monat | — |
| Arzt / Zahnarzt | 120–200 €/Monat | — |
| Lehrer | 90–140 €/Monat | — |
| Erzieher | 110–170 €/Monat | — |
| Handwerker (Schreibtisch-nah) | 150–250 €/Monat | — |
| Dachdecker / Gerüstbauer | 300–500+ €/Monat | — |
Diese Zahlen sind unverbindliche Orientierungswerte. Der tatsächliche Preis hängt vom individuellen Gesundheitszustand, dem genauen Berufsbild und den Vertragskonditionen ab.
Häufige Fragen
Brauche ich BU und Risikolebensversicherung?
Das sind zwei völlig verschiedene Risiken. Die Risikolebensversicherung schützt deine Hinterbliebenen bei deinem Tod. Die BU schützt dich, wenn du nicht mehr arbeiten kannst. Wer Unterhaltspflichtige hat, sollte beides haben — in dieser Reihenfolge.
Kann ich eine BU kündigen?
Ja, jederzeit zum Ende der aktuellen Versicherungsperiode. Du verlierst damit alle Ansprüche. Ein Pausieren der Beiträge (Beitragsfreistellung) ist bei den meisten Verträgen möglich — die BU-Rente reduziert sich dann entsprechend.
Was passiert, wenn ich im BU-Leistungsfall weiterarbeite?
Du darfst im Leistungsfall bis zu einer bestimmten Grenze hinzuverdienen — in der Regel 80 % des früheren Einkommens, das je nach Vertrag variiert. Übersteigst du die Grenze, kann die BU-Rente anteilig gekürzt werden.
Zahlt die BU auch bei Burnout?
Wenn ein Arzt attestiert, dass du aufgrund der psychischen Erkrankung deinen Beruf zu mindestens 50 % nicht mehr ausüben kannst — ja. Burnout ist die häufigste BU-Ursache. Entscheidend: Die Erkrankung muss diagnostiziert und der BU-Grad ärztlich bestätigt sein.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Versicherungsberatung. Prämienbeispiele sind unverbindliche Orientierungswerte.
