Die gesetzliche Rente wird dir nicht reichen. Das ist keine Meinung, das ist Mathematik.
Im Jahr 2024 lag das durchschnittliche Rentenniveau in Deutschland bei 48 % des letzten Bruttogehalts. Wer heute 3.500 € brutto verdient, kann im Alter mit rund 1.570 € brutto rechnen — netto bleiben nach Steuern und Krankenversicherungsbeitrag etwa 1.300 €.
Wenn du im Alter mit 2.000 € netto auskommen willst, fehlen dir jeden Monat 700 €. Über 20 Rentenjahre summiert sich das auf 168.000 €.
Das ist deine Rentenlücke. Und die wenigsten kennen sie.
Was ist die Rentenlücke überhaupt?
Die Rentenlücke ist die Differenz zwischen dem, was du im Alter aus der gesetzlichen Rentenversicherung bekommst, und dem, was du tatsächlich zum Leben brauchst.
Sie entsteht, weil das gesetzliche Rentensystem nicht dafür ausgelegt ist, deinen Lebensstandard zu erhalten. Es ist eine Grundsicherung — keine vollständige Einkommensabsicherung.
Beispielrechnung:
| Monatlich gewünscht | Geschätzte gesetzliche Rente | Rentenlücke |
|---|---|---|
| 1.500 € | 1.200 € | 300 € |
| 2.000 € | 1.300 € | 700 € |
| 2.500 € | 1.400 € | 1.100 € |
| 3.000 € | 1.500 € | 1.500 € |
Die konkrete Zahl hängt von deinem aktuellen Gehalt, deinem Wunschbudget und deinem Renteneintrittsalter ab.
Rentenlücke selbst berechnen — so geht's
Du kannst deine Rentenlücke in drei Schritten näherungsweise berechnen:
Schritt 1: Geschätzte gesetzliche Rente ermitteln
Faustregel: Gesetzliche Rente (brutto) ≈ 45 % deines aktuellen Bruttogehalts
Nach Abzug der Krankenversicherungsprämie (ca. 8 %) und Einkommensteuer (ca. 14 % bei mittleren Renten) bleiben netto etwa 78 % der Bruttorente.
Bruttogehalt × 0,45 × 0,78 = geschätzte Nettorente
Bei 3.500 € Bruttogehalt: 3.500 × 0,45 × 0,78 = ca. 1.228 € netto/Monat
Schritt 2: Rentenlücke ermitteln
Gewünschtes Monatsbudget − geschätzte Nettorente = Rentenlücke
Beispiel: 2.000 € − 1.228 € = 772 € Rentenlücke pro Monat
Schritt 3: Kapitalbedarf berechnen
Eine Faustregel: Du brauchst Kapital für etwa 20–22 Jahre Rentenbezug.
Rentenlücke × 12 Monate × 22 Jahre = Gesamtkapitalbedarf
Beispiel: 772 € × 12 × 22 = ca. 203.808 €
Das klingt viel — und ist es auch. Aber der Zinseszins-Effekt macht es erreichbar, wenn du früh genug anfängst.
Warum ist die Rentenlücke größer als du denkst?
Das Rentenniveau sinkt weiter
2003 lag das Rentenniveau noch bei 53 %, heute bei 48 %. Verschiedene Prognosen sehen es bis 2040 bei 44–46 %. Wer heute 35 ist und in 32 Jahren in Rente geht, bekommt real weniger als der Rechner auf Basis heutiger Parameter ergibt.
Inflation frisst Kaufkraft
Eine Rente von 1.500 € heute hat in 25 Jahren bei 2 % Inflation nur noch eine reale Kaufkraft von etwa 910 €. Wer das nicht einkalkuliert, unterschätzt seinen Bedarf erheblich.
Beitragslücken durch Teilzeit, Elternzeit, Selbstständigkeit
Jedes Jahr ohne volles Gehalt und volle Beitragszahlung reduziert die spätere Rente. Besonders betroffen: Frauen mit Elternzeit, Teilzeitkräfte und alle, die zeitweise selbstständig waren. Auch ein KI-bedingter Jobwechsel kann die Rentenlücke vergrößern — wer sein Risiko einschätzen will, findet im KI-Jobrisiko-Check eine erste Orientierung.
Wann sollte man anfangen, die Rentenlücke zu schließen?
Sofort. Und zwar nicht wegen Panik, sondern wegen Mathematik.
Der Zinseszins-Effekt bedeutet: Jedes Jahr früher macht einen enormen Unterschied.
Beispiel: Rentenlücke von 200.000 € schließen
| Startalter | Monatliche Sparrate | Annahme: 7 % Rendite p.a. |
|---|---|---|
| 25 Jahre | ca. 200 € | 40 Jahre Anlagehorizont |
| 35 Jahre | ca. 420 € | 30 Jahre |
| 45 Jahre | ca. 980 € | 20 Jahre |
| 55 Jahre | ca. 2.700 € | 10 Jahre |
Wer mit 25 anfängt, muss monatlich 13-mal weniger zurücklegen als jemand, der mit 55 beginnt. Das ist der Unterschied zwischen 200 € und 2.700 €.
Was tun, wenn die Rentenlücke groß ist?
Drei Wege, die sich kombinieren lassen:
1. ETF-Sparplan — einfach und effektiv
Ein breit gestreuter Aktien-ETF (z.B. auf den MSCI World oder FTSE All World) ist die kostengünstigste und historisch renditestärkste Methode, langfristig Kapital aufzubauen. Jahreskosten unter 0,3 %, keine aktive Verwaltung nötig.
Geeignet für: alle, die mindestens 15 Jahre Anlagehorizont haben. Wichtig: Bevor du in die Altersvorsorge investierst, prüfe deine Absicherung bei Berufsunfähigkeit — ohne BU kann ein gesundheitlicher Ausfall den gesamten Sparplan zunichtemachen.
2. Betriebliche Altersvorsorge (bAV)
Arbeitgeber sind gesetzlich verpflichtet, 15 % Zuschuss zur betrieblichen Altersvorsorge zu leisten. Das ist geschenktes Geld, das viele Arbeitnehmer nicht abrufen.
Geeignet für: Angestellte, die ihren Arbeitgeber-Zuschuss noch nicht ausschöpfen.
3. Riester oder Rürup
Riester lohnt sich besonders für Angestellte mit Kindern — die staatliche Zulage ist erheblich. Rürup ist steuerlich attraktiv für Selbstständige und Gutverdiener.
Geeignet für: wer staatliche Förderung maximal nutzen will.
Häufige Fragen zur Rentenlücke
Was ist ein realistisches Rentenniveau für meine Berechnung?
Für eine konservative Planung solltest du mit 44–46 % deines Bruttogehalts rechnen — nicht mit den aktuellen 48 %. Das berücksichtigt den erwarteten weiteren Rückgang des Rentenniveaus.
Zählt Inflation bei der Rentenlücke?
Ja, unbedingt. Eine Planung ohne Inflationsannahme unterschätzt den Kapitalbedarf erheblich. Als Näherung: Bei 2 % Inflation halbiert sich die Kaufkraft in etwa 35 Jahren.
Ich bin selbstständig und zahle nicht in die gesetzliche Rentenversicherung — was dann?
Dann musst du deinen gesamten Rentenbedarf selbst aufbauen. Trag in den Rechner als geschätzte gesetzliche Rente '0' ein und dein gewünschtes Monatsbudget als Rentenbedarf. Das zeigt dir deinen vollständigen Kapitalbedarf.
Reicht ein ETF-Sparplan allein?
Für die meisten Menschen ja — wenn man früh genug anfängt. Wer erst mit 50 beginnt, sollte zusätzlich bAV oder steuerlich geförderte Produkte prüfen.
Quellen und Grundlagen: Rentenversicherungsbericht 2024 der Deutschen Rentenversicherung; Bundesministerium für Arbeit und Soziales (Rentenkonzept 2030); Statistisches Bundesamt (Lebenserwartung und Rentenalter).
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Finanzberatung.
